Doch das Beben hört nicht auf, sondern wird stärker: Als die Schränke und Wände anfangen, zu vibrieren, wird sie unruhig. Schnell flüchtet sie sich mit ihrem Mann unter einen tragenden Balken im Wohnzimmer. „Die Fenster haben gezittert, die Sachen sind aus den Schränken herausgefallen und wir haben uns an den Händen gehalten, uns angeschaut, gebetet und gehofft, dass es bald aufhört.“
Das Erdbeben fühlte sich wie eine Ewigkeit an
Nach einigen Sekunden ist das Doppelbeben, das sich für die beiden wie eine Ewigkeit angefühlt hat, vorbei. Schnell verlassen sie das Haus und helfen ihrer Nachbarin, die im Rollstuhl sitzt und vor Angst völlig aufgelöst ist, aus dem Haus. Mehrere Nachbeben folgen. Obwohl Valencia sehr nah am Epizentrum des Erdbebens liegt, ist es weniger betroffen als die 160 Kilometer entfernte Hauptstadt Caracas und die dortige Küste.
Kurze Zeit später fahren die beiden, die für die christliche Organisation „Coworkers“ (Stuttgart) arbeiten, in die Stadt La Guaira an die Küste, wo die Zerstörung verheerend ist. Im Kofferraum dabei: Hilfsgüter und Löschkalk für eine hygienische Bestattung. „Schon bevor man im Erdbebengebiet ankommt und die Zerstörung sieht, riecht man den Verwesungsgeruch“, sagt Daniel Seel.
Eine Mutter bangt seit Tagen um ihren Sohn
Das Ehepaar, das aus dem sächsischen Vogtland stammt und viele Jahre in Dortmund lebte, kennt sich mit Erdbeben aus: Die Seels verbrachten bereits fünf Jahre in Haiti nach dem dortigen schweren Erdbeben, um beim Wiederaufbau zu helfen. Diese Zeit hat sie geprägt: „Man gewöhnt sich an die Bilder von eingestürzten Häusern. Das hat man abgespeichert“, erklärt Daniel Seel.
Aber an die tragischen Schicksale der Menschen werden sich die beiden wohl nie gewöhnen. „Wir haben hautnah mitbekommen, wie eine Mutter schon seit sieben Tagen um ihren Sohn bangte, der unter den Trümmern lag, haben ihre Erschöpfung und ihr ängstliches Hoffen gespürt“, sagt Alexandra Seel.
„Die Hilfsbereitschaft im Land ist riesig“
„Wir sprachen mit Familien, deren 20-stöckiges Hochhaus eingestürzt ist und die alles verloren haben. Es ist bewegend, zu sehen, wie dankbar sie sind, wenn man neben der Hilfe, die man bringt, ihnen einfach erst mal nur zuhört.“
Auch wenn einige internationale Notretter, die Leute bergen, bereits das Land wieder verlassen, befindet sich Venezuela immer noch im absoluten Katastrophenmodus. „Die Hilfsbereitschaft im Land ist riesig, selbst die Ärmsten geben Nahrungsmittel und Kleidung an Spendenstellen für die Erdbebenopfer ab“, erzählt sie. „Das venezolanische Volk ist sehr resilient. Es hat über Jahre im Krisenmodus gelebt, aber gibt nicht auf, sondern hält zusammen, das berührt mich sehr.“
Zwei Fachkräfte, eine Mission
Der Projektpartner der Seels in Venezuela ist der Baptistenbund (CNBV), der rund 700 Gemeinden umfasst. Er hilft unter der Leitung von Elier Romero und seiner Frau Andrea Flores Romero, Direktorin für Medizinische Dienste, mit mehr als 50 Mitarbeitern den Erdbebenopfern vor allem in drei Bereichen: Sie verteilen Hilfsgüter, bieten mit mobilen Kliniken vor Ort Hilfe an, spielen mit Kindern in Notunterkünften und helfen ihnen in Gesprächen, das Erlebte zu verarbeiten. Hier bringen sich auch die Seels ein: Daniel ist gelernter Heizungssanitärmeister, der jahrelang als Bauleiter arbeitete, und Alexandra ist Erzieherin mit einer Weiterbildung in Traumapädagogik.
Was dringend noch gebraucht wird, sind medizinische Produkte, wie Verbandsmaterial oder Medikamente, die es vor Ort nicht gibt, sagt Daniel Seel. Hier benötige es Spenden, damit die mobilen Kliniken weiterhin Menschen kostenlos medizinische Hilfe geben können und vom Ausland mit dem notwendigen Material ausgestattet werden.
Man spürt den Seels ab, dass sie selbst noch dabei sind, das Erlebte und Gesehene zu verarbeiten. Und doch sind sie sicher: „Wir fühlen uns hier an dem Platz, an dem Gott uns haben möchte, und wollen einfach für die Menschen da sein.“




